Wie erfinde ich mich neu?

Mittelstandssummit
Quellenhinweis: KD Busch/compamedia

Über diese wichtige Frage diskutierte ich beim Deutschen Mittelstands-Summit mit Prof. Dr. Ulrich Walter, Armin Distel von MS Spaichingen, Dr. Michael Kramer von LED Linear GmbH sowie Prof. Dr. Nikolaus Franke. Für mich ist es immer wieder spannend zu sehen, welche unglaublichen Erfolgsgeschichten der deutsche Mittelstand zu erzählen hat. Nicht umsonst werden wir von vielen Ländern, z.B. den USA, um dieses innovative Rückgrat unserer Wirtschaft, den sog. „German Mittelstand“ beneidet. Vier Erfolgsstrategien haben wir auf dem Summit identifiziert.

Auf dem Deutschen Mittelstands-Summit 2014 am 27. Juni trafen sich in Essen die Top-Innovatoren, die besten Arbeitgeber im Mittelstand, die Top-Berater und die Vorreiter ethischen Handelns – Mittelständische Unternehmerinnen und Unternehmer, die Außergewöhnliches leisten und faszinierende Erfolgs- und Lebensgeschichten zu erzählen haben. Außerdem wurden die „Innovatoren des Jahres“ und die „Top-Arbeitgeber“ 2014 gekürt und ich durfte eine Diskussionsrunde rund um die „Herausforderung Innovation“ moderieren. Die Gäste meiner Diskussionsrunde waren ganz besondere Menschen:

Prof. Dr. Ulrich Walter zum Beispiel. Er hat in Köln Physik studiert und promoviert, hat einige Zeit auch in den USA geforscht bis der Anruf seines Lebens kam. Das war 1987, als er ins deutsche Astronautenteam berufen wurde. Sechs Jahre später, 1993 nämlich, nahm er an der Shuttle Mission D-2 teil. Als einer von zwei deutschen Astronauten hat das siebenköpfige Forscherteam die Erde umkreist und dabei mehr als 90 Experimente durchgeführt. Danach unternahm Prof. Walter Ausflüge in die Industrie, u.a.in die Produktentwicklung von IBM. Seit 2003 leitet er den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der Technischen Uni München.

Prof. Dr. Nikolaus Franke ist seit 2001 Vorstand des Instituts für Entrepreneurship und Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Entrepreneurship, Innovationsmanagement und Marketing. Er ist einer der weltweit führenden Experten für Open Innovation und User-Innovation und gehört zu den forschungsstärksten Professoren im deutschen Sprachraum. Seit 2002 ist Prof. Franke wissenschaftlicher Leiter in dem Team, das die TOP100-Auszeichnung der innovativsten Mittelständler Deutschlands vergibt. In dieser Zeit hat er gut 2.000 Mittelständler analysiert. Er weiß also genau, wie der innovative Mittelstand tickt und wie die Erfolgsrezepte aussehen.

Dr. Michael Kramer steht an der Spitze des jungen Unternehmens LED Linear GmbH, das erst 2006 gegründet wurde. Es macht Licht, genauer gesagt innovative hochwertige lineare LED-Beleuchtungssysteme. Made in Germany. Weltweit. Wie im Märchen entwickelte sich das Unternehmen vom Start-Up in der Garage zum Global Player und wachstumsstarken Innovationstreiber. Mit gigantischen Zahlen: 700 % Umsatzwachstum von 2008 bis 2012 und einem Beschäftigtenwachstum von rund 730 %. 2013 wurde LED linear von der TOP100-Jury zum Innovator des Jahres gewählt. Dr. Michael Kramer ist einer der beiden Geschäftsführer, hat Maschinenbau studiert und im Bereich Innovationsmanagement promoviert, war in Führungspositionen bei Siemens, Vossloh und Geschäftsführer eines Lichtkomponentenherstellers. 2005 reifte die Idee, sich mit seinem jetzigen Partner Carsten Schaffarz selbständig zu machen. Raus aus dem Konzern und rein in die Garage. Die beeindruckenden Lichtprojekte beleuchten heute weltweit zum Beispiel Hotelfassaden, Einkaufszentren, Kunstwerke, Ladengeschäfte und ganze Straßenzüge.

Armin Distel hat eine Doppelfunktion: Zum einen ist er Vorstand der MS Industrie AG und seit 2006 Geschäftsführer der MS Spaichingen GmbH, die heute über 800 Beschäftigte hat. Gegründet wurde die MS Spaichingen GmbH 1965 als Hersteller von Produktionsmaschinen für die Textilindustrie. Ende der 70er kam mit dem Niedergang der Textilindustrie der erste Kurswechsel hin zur Produktion von Mehrschichtleiterplatten für IBM. Als IBM Mitte der 90er seine komplette Produktion aus Europa abzog, konzentrierte sich MS Spaichingen auf Maschinen für den Autobau und wird Automobilzulieferer. Die Wirtschaftskrise 2009 führt zur Neuerfindung Nr. 3: Automobilbau bleibt, dazu kommen als zweites Standbein Maschinen für die Verpackungsindustrie. Bei den „innovativen Mittelständlern“ war die Maschinenfabrik Spaichingen zweimal unter den TOP100 und erhielt 2012 die Auszeichnung „Innovation des Jahres“ für ein neuartiges Ultraschalltrennschweißmodul.

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Quellenhinweis: KD Busch/compamedia

Dieses Unternehmen hatte sich also mehrmals neu erfunden und ist den Marktbedürfnissen gefolgt. Doch man kann sich auch neu erfinden, wenn es einem gut geht und weil vorbeugen besser ist als bohren. Oder wenn man neue Bedürfnisse der Kunden erkannt hat, oder wenn man, wie Kolumbus einst, Neuland irgendwo vermutet. Doch wie geht das? In unserer Diskussionsrunde haben wir gesehen: Zum Sichneuerfinden braucht es…
• die richtige Balance zwischen Mut, Risiko und Sicherheit. Vor allem, wenn man z.B. wie MS Spaichingen 800 Leute beschäftigt.
Kooperationen und Partnerschaften. Motto: Konzentriere dich auf deine Kernkompetenzen und hol‘ dir bei anderen Dingen Hilfe. Das ist schneller, besser und wirtschaftlicher. MS Spaichingen arbeitete zum Beispiel an einem Handschweißgerät. Bei Schweißgeräten verfügte das Unternehmen über viel Know-how, „Handgeräte“ aber konnten andere besser, z.B. ein Bohrmaschinenhersteller, mit dem sie dann kooperiert haben.
Mitarbeiter, die bei so einem Turnaround mitziehen und heiß aufs Neue sind. Da hat es ein junges Unternehmen leichter als so manches Traditionsunternehmen. LED Linear stellte von Beginn an gezielt neugierige, eigenständige und eigenverantwortliche Mitarbeiter ein, die selbst die Dinge in die Hand nehmen, auch mal einen Fehler machen, etwas ausprobieren und sich intensiv mit Markt und Kunden auseinandersetzen. Auch branchenfremde Kräfte sind gefragt.
• geschicktes Marketing der Innovationen. Diese Disziplin ging auch an den Raumfahrern nicht vorbei, die bei der ESA geschult wurden in Kommunikation und „Vermarktung“, weil die ja nicht zu den Kernkompetenzen von Wissenschaftlern gehören. Dr. Michael Kramer von LED Linear setzt ebenfalls voll auf Marketing und hat seine Dissertation über Innovationsmanagement geschrieben.

Es braucht schon Macherinnen und Macher, die sich immer wieder was trauen, Risikobereitschaft zeigen und schnell Dinge tun. Die aber auch schnell merken, dass etwas nicht geht und nach neuen Wegen suchen. Die großen Vorteile des Mittelstandes gegenüber Konzernen: Hier haben Machertypen mehr Chancen, Schnelligkeit, Flexibilität und die Nähe zum Kunden sind möglich.

Ach ja: Wenn Sie sich mal ein paar Erfolgsgeschichten anschauen möchten: Die „Innovatoren des Jahres“ 2014 wurden in der Größenklasse A die fiagon AG, in der Größenklasse B die Roche PVT GmbH und in der Größenklasse C die DELO Industrie Klebstoffe GmbH & Co. KGaA. „Arbeitgeber des Jahres“ 2014 wurden in der Größenklasse A die easy­Soft. GmbH, in der Größenklasse B die Baierl & Demmelhuber Innenausbau GmbH und in der Größenklasse C die Endress+Hauser Conducta GmbH+Co. KG. Für den Fall, dass Sie Inspirationen suchen, um sich neu zu erfinden?

Möchten Sie sich neu erfinden?

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